Ein Beispiel für eine aus meiner Sicht sehr gelungene Krisenkommunikation liefert die Reaktion Wolfgang Schäubles am vergangenen Freitag (22. Mai) im ARD-Extra zur Corona-Lage auf die Frage von Reporter Fritz Frey, was denn schief laufe in Deutschland? (Vor der Frage gab es einen ‚Einspieler‘ aus Gera, in dem ein älterer Mann sehr bewegend vor der Kamera zu weinen beginnt, als er davon erzählt, dass er seine 84 jährige Frau im Pflegeheim seit Wochen nicht besuchen kann, und dann von einem aufgebrachten Wutbürger aufgefordert wird, gegen das ‚Merkel-Regime‘ aufzustehen. Hier geht’s zu diesem Video: https://www.ardmediathek.de/

Schäuble sagt schlicht: Nichts laufe schief. Es sei eine sehr schwierige Situation für uns alle, wie wir sie seit dem 2 Weltkrieg nicht mehr hatten, und es sei für niemanden leicht, gut damit umzugehen. Mit keinem Wort geht er auf den aufgebrachten Wutbürger ein (und entzieht ihm damit die Aufmerksamkeit, gibt ihm keinerlei Bühne). Er sagt auch nicht, dass hier die Nöte der Menschen von Rechtsextremen oder anderen instrumentalisiert werden – und polarisiert in keinster Art und Weise zwischen ‚richtigen‘ (dem eigenen) und ‚falschen‘ (dem der anderen) Verhalten.
Stattdessen erläutert er, vor welch schwierigen Entscheidungen die Politiker standen. Nämlich handeln zu müssen – ohne zu wissen, was richtig ist. Denn: Auch die Wissenschaftler wüssten es nicht – und hätten zudem auch unterschiedliche Meinungen.
Bei all dem, räumt er ein, dass auch Fehler passiert sein mögen, verspricht auch nicht, dass in Zukunft keine Fehler mehr passieren, sondern schafft stattdessen Transparenz über die Hintergründe des politischen Handelns.
Am Ende geht er thematisch über zur Klimakatastrophe und hofft, dass die jetzige Krise helfe, um beim Klima besser zu handeln.
Und das alles in einer sehr unaufgeregten Art und Weise und nicht um Zustimmung heischenden Haltung.

Aus einer Metaperspektive gesehen geht er 5-schrittig vor:
1. Dem Polarisierer die Aufmerksamkeit entziehen
2. Umdeuten der Situation, indem er den gemeinsamen Nenner betont (schwierig für uns alle) – und Bewertungen vermeiden
3. Die Logik der Politik trennen von der Logik der Wissenschaft
4. Hintergründe und Motive transparent machen
5. Hoffnung auf das Morgen äußern

Wer in aufgeladenen Situationen deeskalierend kommunizieren will, der findet hier eine gute Blaupause.