Skip to content

Position beziehen – und trotzdem beweglich bleiben

Das Martin Schulz nicht nur als SPD-Vorsitzender zurück treten sondern auch seine Ambitionen auf das Amt des Außenministers aufgeben musste, wird nach meiner Wahrnehmung am häufigsten damit begründet, dass er widersprüchliche Statements abgegeben hat. Vor allem zwei davon sind ihm immer wieder vor die Füße gefallen: der 1. ‚Der Platz der SPD ist in der Opposition!‘ Und 2.: ‚Ich werde niemals in eine Regierung von Angela Merkel eintreten.‘ Einmal abgesehen davon, dass die Kontexte sehr unterschiedlich waren, in denen er diese Sätze ausgesprochen hat und in denen er sie dann widerrufen hat, hätte ihn eine kleine rhetorische Finesse möglicherweise retten können. Sie besteht aus Worten wie: …‘ unter diesen Umständen‘ …, ‚heute‘, …‘mit diesen Akteuren …‘ Seine Statements hätten sich nur leicht verändert: 1. Unter diesen Umständen ist der Platz der SPD in der Opposition. (Als Jamaika lang gescheitert war, haben sich die Umstände geändert – eine nachvollziehbare Wende!) 2. Unter diesen Umständen werde ich nicht in eine Regierung von Angela Merkel eintreten. (3 Monate später kann die Situation freilich ganz anders aussehen. Und mit Worten wie nie und niemals sollte man ehedem vorsichtig sein. Doch wahrscheinlich glauben viele Politiker immer noch, mit apodiktischen (keine Zweifel zulassenden) Äußerungen Stärke zeigen zu müssen.) Diese Technik kommt das der Verhandlungsführung. Sie wird benutzt um Verhandlungen abzubrechen und die Türen dennoch offenzuhalten – und um beweglich zu bleiben.

Nahles würdigt Kauder – Respekt trotz Gegnerschaft

​Gestern Abend machte die SPD-Fraktionsvorsitzende und designierte neue SPD-Vorsitzende in ‚Was nun, Frau Nahles?‘ eine in meinen Augen bemerkenswerte Aussage. Von Bettina Schausten und Peter Frey aufgefordert, vorgegebene halbe Sätze mit ihren Worten zu vervollständigen, sagte sie auf die Vorgabe „Der CDU/CSU Fraktionsvorsitzende Volker Kauder ist …“: „ … ein sehr guter und erfahrener Kollege, von dem ich mir noch eine Scheibe abschneiden kann.“ Da hat sie für den Moment Parteigrenzen, Status-Überlegungen und weitere Scheuklappen bei Seite gelegt und einem 20 Jahre älteren Kollegen Respekt gezollt. Das hat mich losgelöst von den politischen Inhalten beeindruckt. Systemisch betrachtet hat sie damit dem Prinzip der direkten Zeitfolge entsprochen, nachdem Frühere Vorrang vor den Späteren haben, und ein Ausgleich über Würdigung geschaffen werden kann. Wahrscheinlich hat Frau Nahles sich aber ausschließlich auf Volker Kauders Kompetenzen bezogen …

Die Digitalisierung und das Pferd

Die aktuelle „Zeit“ widmet sich u.a. auf S. 2 und 3 dem Thema Digitalisierung. Eng verbunden damit ist die Automatisierung von Prozessen und Jobs auch in unserer Gesellschaft. Dazu werden sehr dramatische Zahlen angefügt: 42 % aller deutschen Jobs seien direkt oder indirekt durch Automatisierung bedroht, 800 Millionen Jobs könnten gar in den nächsten 30 Jahren weltweit durch Digitalisierung und Automatisierung wegfallen. Das klingt einerseits sehr groß, andererseits sehr abstrakt. Wie epochal diese Veränderungen sein können, wird kurz darauf sehr viel deutlicher: „Der Chef von Microsoft, Brad Smith, hat gerade in einem Interview mit der FAS daran erinnert, dass allein der Übergang vom Pferd zum Automobil in den USA eine massive Rezession ausgelöst habe. Der Abschied vom Pferd ruinierte viele Landwirte, ‚weil etwa ¼ der landwirtschaftlichen Produktion auf das Futter für Pferde ausgerichtet war‘. Was ist heute das Pferd? Was das Pferdefutter? Niemand vermag das so sagen. Unmöglich auch zu bestimmen, wo wir heute stehen, wenn man die Industrialisierung als historische Analogie begreift: kurz nach der Erfindung der Dampfmaschine? Oder schon an der Schwelle zum Automobil? Und sind, um die Parallelisierung noch weiter zu treiben, Mark Zuckerberg von Facebook und Amazon Chef Jeff Bezos die Stahlmagnaten und Eisenbahnbarone von heute, die Thyssens, die Krupps, die Rockefellers des 21 Jahrhunderts? Zumindest greifen sie bereits in andere Sphären aus, sowie das einst auch die Montanfürsten getan haben.“ (‚Die Zeit‘ Nr. 6, vom 01.02.2018, S. 2.) Eine in meinen Augen tolles Beispiel für die Kraft der bildhaften Sprache und die Verständlichkeit von Analogien.

Ein Schwabe im Rheinland – wie es gelingen kann

Am vergangenen Samstag hat Winfried Kretschmann den Aachener Orden wider den tierischen Ernst erhalten. Laut der ‚Welt‘-digital sagte der Vorsitzende des Aachener Karnevalsvereins, Werner Pfeil: ‚Mit seinem feinen Humor sei Kretschmann eine Leitfigur für die deutsche Politik.‘ Und auch: ,Kretschmanns Anspruch, jeden Menschen zu nehmen, wie er ist, sei die schwäbische Form von ‚Jeder Jeck ist anders‘ - aus dem rheinischen Grundgesetz. Die Unterschiedlichkeit und Individualität von Menschen anzuerkennen, ist ja auch außerhalb des Karnevals ein Erfolgsfaktor für gelingende Kommunikationen. Spannend fand ich, dass Kretschmann selbst einen weiteren wichtigen Faktor einführte. In einem Radiointerview am Sonntag räumte der Ministerpräsident ein, sehr nervös gewesen zu sein. Da der rheinische Karneval und die alemannische Fasnacht so weit auseinanderlägen, habe er nicht gewusst, wie er in Aachen ankomme. Doch dann habe er recht schnell bemerkt, dass er verstanden werde. Und das habe ihn dann beruhigt – und ihn eine gute Rede halten lassen. Damit ein Sprecher zu Höchstform aufläuft, braucht er die Unterstützung der Zuhörer. Das deckt sich mit der alten Beraterweisheit: Erst verstehen, dann verstanden werden.

A380 – Offenheit hat einen Preis

Am Donnerstag dieser Woche hat Airbus verkündet, einen Vertrag mit der Fluglinie Emirates über den Kauf des Riesenfliegers A380 unter Dach und Fach zu haben. Der Auftrag habe ein Volumen von 16 Mrd. Dollar – laut Listenpreis. Noch am Montag hatte Airbus-Verkaufsdirektor John Leahy ein baldiges Aus des Projekts A380 angekündigt, sollte es keine neuen Bestellungen geben. Das war auf den ersten Blick eine Steilvorlage für Emirates. Botschaft: Wir gewähren Euch maximale Rabatte; wenn es sich für uns auch nur ansatzweise rechnet, werden wir den Vertrag mit Euch machen. Verhandlungstechnisch gesehen war das ein Offenbarungseid. Den anderen wissen zu lassen, dass man zu 100 % von ihm abhängig ist, bedeutet, die Verhandlungsmacht komplett aus den Händen zu geben. In diesem Fall in Richtung Dubai. Jetzt wäre es interessant, das tatsächliche Auftragsvolumen zu erfahren.

Die unendliche Geschichte (mit der Bahn)

​Ich habe einen Termin in Fulda und entscheide mich, mit der Bahn zu fahren. Startzeit: 6:51 Uhr. Verdammt früh; die Aussicht auf Kaffee und Croissant im Zug macht es ein wenig erträglicher. Am Bahnsteig geht es mit dem Klassiker los: Die Wagenreihung ist verändert. Also stapfe ich von einem Ende des Bahnsteigs zum anderen Ende des Bahnsteigs. Das dauert, doch die Verspätung des Zuges spielt mir in die Karten. Kaum im Zug kommt die Durchsage, dass es aufgrund einer technischen Störung keinen Kaffee gibt; Croissants werden auch nicht aufgebacken. Mmh. Laut meiner DB-App soll ich in Frankfurt umsteigen. Ich spreche den Zugbegleiter darauf an. Der ist zwar nicht gut gelaunt, kommentiert die App-Empfehlung aber als Quatsch und fordert mich auf, im Zug sitzen zu bleiben, da der auch in Fulda halte. Gesagt, getan. In Frankfurt unterläuft mir ein strategischer Fehler: Ich telefoniere. Dadurch sehe ich zu spät, dass der von der App empfohlene Zug am selben Bahnsteig direkt gegenüber pünktlich abfährt. Kurz darauf kommt die Durchsage, dass unser Zug aufgrund einer weiteren technischen Störung den Bahnhof mit 20 Minuten Verspätung verlässt. Auf dem Weg zum nächsten Halt in Offenburg verliert er weitere 10 Minuten - Störungen im Betriebsablauf. Ich suche meinen Zugbegleiter. Er ist in Frankfurt ausgestiegen. Der Mann ist Profi.

Zwergenaufstand

So nannte der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt die Forderung einiger SPD-Vertreter, das am vergangenen Freitag verabschiedete Sondierungspapier zur Bildung einer neuen GroKo nachzuverhandeln. Dobrindt sagte auch: ‚Schulz müsse diesen Zwergenaufstand in den Griff bekommen.‘ Auch wenn ich glaube, dass das Nachverhandeln an dieser Stelle schwierig ist, empfand ich spontan Sympathie mit den ‚Zwergen‘. Wäre ich einer der angesprochenen SPD-Vertreter, würde mich Dobrindts Äußerung erst recht motivieren, mich weiter gegen das Sondierungspapier zu wehren. Vielleicht wollte Dobrindt das ja erreichen, weil er selbst keine GroKo will? Glaube ich aber nicht. Politische Gegner so zu diffamieren, ist für unsere Kultur sicher nicht hilfreich und macht in meinen Augen eher den klein, der solche diffamierenden Metaphern benutzt. Schade, dass er keine besseren Argumente hat.

Ambivalenzen lösen – Entscheidungen treffen

Ich lese gerade das Buch ‚Einführung in die Praxis der Feldtheorie‘ von Klaus Antons und Monika Stützle-Hebel (sehr empfehlenswert). Darin geht es unter anderem um die Frage, wie wir uns zwischen 2 Alternativen entscheiden können, wenn beide Optionen Vor und Nachteile haben - ganz alltägliche Situationen also 🙂 Vorgeschlagen wird dort, aufzuschreiben, was man an den jeweiligen Optionen mag und auch, was man nicht mag. In einem nächsten Schritt wird ergründet, ob und wie die jeweiligen Bedürfnisse, die sich hinter den positiven Aspekten einer Option verbergen, anderweitig befriedigt werden können. In dem im Buch beschriebenen Beispiel geht es um die Frage, ob eine Klientin eine vertraute Festanstellung zugunsten einer neuen, aber unbekannten Stelle aufgeben soll. Ein wichtiger Grund, in dem alten Job zu bleiben, ist die freundschaftliche Beziehung zu den Kolleginnen. Anhand der oben beschriebenen Methode sucht sie dann nach Möglichkeiten, diese Beziehung auch außerhalb des Jobs aufrechtzuhalten. Wenn hier realistische Antworten gefunden werden, kann sie ein Stück freier auf den neuen Job zu gehen. Eine tolle Methode – die ich auch in Verhandlungskontext gut nutzen kann: wenn ich die Interessen und Bedürfnisse kenne, die sich hinter bestimmten Positionen verbergen, kann ich Lösungen finden, die vorher nicht in Sicht waren. Dazu später sicher noch mehr … Der Link zu o.a. Buch: https://www.carl-auer.de/programm/artikel/titel/einfuehrung-in-die-praxi...

Blackout und BATNA

Blackout heißt der Bestsellerroman von Marc Elsberg, in dem unsere Abhängigkeit von elektrischem Strom beschrieben wird. Im Roman kommt das gesamte wirtschaftliche Leben zum Stillstand und der soziale Frieden bleibt auch auf der Strecke. Blackout hieß es auch gestern und heute im südlichen Hochschwarzwald, wo ich z.Z. an einem Meditationsseminar teilnehme. Tief ‚Burglind‘ hat wichtige Schaltstellen ausgeschaltet. Erst wurde es dunkel, dann kalt. Der Großteil der Seminarteilnehmer ist in Ferienwohnungen untergebracht, die kühlen besonders schnell aus. Manche der Hauswirte schmeißen die Kaminfeuer an oder halten die Heizungen mit Notstromaggregaten am Laufen (so wie bei uns :-), andere können das nicht. Am Ende geht es denen besser, die eine ‚fall-back‘-Option haben, die also nicht von der einen Energiequelle abhängig sind. Da muss ich gleich ans Verhandeln denken und daran, wie wichtig es ist, eine Alternative zu haben, um mich nicht von einem Verhandlungspartner abhängig zu machen. BATNA sagt man dazu: Best Alternative To Negotiated Agreement. Hier auf dem Seminar gehen alle sehr entspannt mit der Situation um - und vielleicht ist das ja auch eine BATNA: entspannt bleiben und die bestehenden Ressourcen allen zugänglich machen ...

Instant healing

Feng Shui (die chinesische Harmonielehre) im Alltag: Nach der vielen Feierei bringe ich das Altglas weg. Etwas missmutig, weil meine Schulter mich an einen kleinen Skiunfall erinnert. Der Container steht unweit unserer Wohnung. Vor einer Litfaßsäule sitzt eine Frau in ihrem Rollstuhl. Sie bedient ihn durch einen Stick, den sie mit dem Mund steuert. Der Kopf scheint das einzige Körperteil zu sein, das ihr gehorcht. Unsere Blicke kreuzen sich. „Ein schönes Neues!“ wünscht sie mir. Ich ihr dann auch. Und bin baff über ihren Optimismus. Auf dem Rückweg komme ich noch einmal an ihr vorbei, immer noch vor der Werbe-Säule. „Gibt es etwas Interessantes?“ frage ich sie. „Ja, die Chagall-Ausstellung in Basel, die will ich mir anschauen …“ Wir haben einen kurzen Small-Talk und am Ende wünscht sie mir noch einen schönen Tag. An die Schulter denke ich nicht mehr.
Direkt im Dialog Logo

Freiburg und Bremen
Am Reichenbach 12
D-79249 Merzhausen bei Freiburg

Scroll To Top